Pflanze des Monats Mai 2017

Tanz in den Mai unter der Dorflinde – Tanzlinden und geleitete Linden

Historisch gewachsene Traditionen in Symbiose mit modernen Einsatzbereichen

Bereits seit dem 10. Jahrhundert sind ‚Tanzlinden‘, ‚Stufenlinden‘ oder ‚geleitete Linden‘ in Nord- über Mitteldeutschland bis in die Schweiz nachweisbar. Die heute besonders imponierenden Baumdenkmäler waren bis ins 20. Jahrhundert häufig als Versammlungs- und Gerichtsorte Bestandteile dörflicher Identität. Der Tanzplatz eines Dorfes befand sich unter und teils auch in der Linde. Eine besondere Gruppe unter den Stufenlinden sind diejenigen, auf deren Ästen Plattformen errichtet wurden. Der Tanzboden wurde in die unterste Aststufe gebaut, dem Teil des Baumes, der nach mythologischer Vorstellung dem Menschen zugedacht war. Es wurden große, stabile, hölzerne Gerüste oder auch Steinsäulen für die Podeste errichtet, so dass darauf eine ganze Musikkapelle und auch die Tanzenden Platz hatten. Die Tanzfeste wurden meist Anfang Mai gefeiert. Schon Martin Luther erwähnte die Linde als Tanz und Freudenbaum (Laudert 2003).  

Endstanden ist der Brauch aus Frühlingsritualen der Germanen, die den Baum als „Dämon der Vegetation“ und als Symbol für Fruchtbarkeit und Wachstum betrachteten. Die Magie der Bäume, ihr Duft, die Ahnung frisch grünender Zweige und eine erwachende Natur sind sinnliche Erfahrungen, die sich auch heute dem modernen Menschen nicht verschließen.

Eine große und zugleich vermutlich die älteste Linde (Tilia platyphyllos) in Deutschland befindet sich heute in Schenklengsfeld (Hessen), etwa zehn Kilometer südöstlich von Bad Hersfeld, mit einem Alter von über 1275 Jahren und ist ein beeindruckendes Beispiel einer über Jahrhunderte „geleiteten“ Tanzlinde. Unter dieser Linde wurde mehrere Jahrhunderte lang Gericht gehalten. In der Nähe dieser Linde war ursprünglich auch ein Pranger für den Strafvollzug aufgebaut. Die verurteilten ‚Feldfrevler‘ wurden unter der Linde an einem Pfahl eine oder mehrere Stunden, teilweise auch einen oder mehrere Tage, angekettet. Dies wird belegt durch den Fund eines Schließeisens, mit dem Verurteilte am Pranger befestigt wurden. Die Linde ist aufgrund ihrer Besonderheit als Naturdenkmal ausgewiesen.

Moderne und international bekannte Gestalter haben das Thema „Stufenlinden“ in der Planung aufgenommen. Sieben kürzlich bei der Baumschule Bruns verladene Stufenlinden Tilia intermedia - Stämme mit einem Stammumfang von 70 – 80 cm stehen jetzt auf dem Platz Place du Marché in Villeneuve le Comte in der Nähe von Paris.

(1. Bild: Linde, Schenklengsfeld, Hessen und Fotograf: Conrad Amber)